Aura im Kopf
Monday, June 18th, 2007 by Silke HilsingUm das Konzept der Aura im Museum nicht aus den Augen zu verlieren und das Thema zu konkretisieren, habe ich mich nochmals intensiver damit beschäftigt.
Besucher verlassen sich im Allgemeinen auf die „Redlichkeit“ des Museums: Stehen sie vor einem musealen Objekt, ist es die Logik der Institution, die es in ihrer Wahrnehmung zu einem Original macht. Durch die Aufnahme eines Gegenstandes ins Museum wird ein kultureller und emotionaler Mehrwert erzeugt, der gerne als Aura beschrieben wird. Die angenommene historischen Zeugenschaft und/oder die Genialität des Kunstwerks bzw. seines Produzenten charakterisieren das Original.
Eine Kopie im Museum, die nicht als solche ausgewiesen wird, wird somit als Original rezipiert – insofern ist der Umgang mit Original und Kopie im Museum ein tückischer: Wer vor einer gelungenen Kopie der Venus von Willendorf steht und nicht weiß, dass es eine solche ist, wird trotzdem staunen. Entsteht Aura nicht nur im Kopf?
Hier habe ich einige sehr treffende Ansichten zusammengestellt:
aus: “Museumsbilder”, Angela Thiekötter
“Das Museum ist irgendwie immer ein Friedhof. Wenn man nicht wahrhaben will, daß
es zugleich ein Ort der Verwandlung ist, bleibt es dabei. Das heißt für die
Dinge des Alltags: Sie sind im Museum nicht mehr, was sie waren, und was ihr
Name meist immer noch meint. Denn der Toaster toastet nicht mehr, und ist der
Stuhl noch ein Stuhl? Denn niemand darf hier daraufsitzen. Die Dose hat für alle Zeit aufgehört, Konfekt zu bewahren, und keinen warmen, lebendigen Leib wird das
Korsett je wieder bedrücken. Aber was dann? Wenn man diesen Zustand ernst nimmt
und nicht versucht zu kaschieren, wird es erst mal ganz still. Der Lärm, die
Geräusche des Alltags verstummen. Dann, und erst dann hört man: Etwas anderes. Ein Gewisper, ein Flüstern, eine Mitteilsamkeit, die in dieser Stille - im Raum des Museums - überhaupt erst erwacht. Die im Tagraum des Draußen zwar auch existiert und durchaus virulent ist, dort aber unterschwellig, undeutlich bleibt. Und so wird im Akt der musealen Stillegung auch ein Potential der Befreiung spürbar. Und der Erkenntnis.”
aus: “Sehenlernen im Museum”, Uwe Christian Dech
“Bis vor einigen Jahren waren Museen konservatorische Stätten der Bildung. In
geschützten Räumen wurde dem Besucher vor allem Nicht- Alltägliches vor Augen
geführt. Er befand sich in einem Raum, der durch seine Herausgehobenheit aus dem
Alltäglichen quasi etwas Sakrales hatte. Berührung verboten! In den Vitrinen
standen Exponate wie in Gotteshäusern das Allerheiligste im Tabernakel. Trotz aller so geschaffenen Distanz entstand aber auch eine Art von Unmittelbarkeit:
Der Besucher trat Originalen mit ihrer Aura entgegen, die gerade durch ihr Fremdsein wirkten, indem sie neue Gedanken und Impulse freisetzten. So hatte das Museum eine zweifache Funktion: Es wollte schützen und vermitteln, fernhalten und annähern zugleich. Diese spezifische Ambivalenz verlangte dem Besucher ebenso die spezifische Haltung des Sichannäherns an das Fremde ab. Nur unter diesen Bedingungen erfüllte sich der Daseinszweck des Museums als einer Stätte der Bildung.”
aus: “Aura des Web!?”, B. Kloss, B. Leucht & P. Olbrich
“Ein (museales) Objekt ist ein Gegenstand, der wertvoll oder zumindest (an)sehenswert ist. Die Objekte, wie wir sie aus Ausstellungen kennen, sind zumeist dinglich, sie sind fassbar, auch wenn man sie in den wenigsten Ausstellungen anfassen oder gar verändern darf. Objekte einer Ausstellung können – auch wenn sie durch eine Vitrine oder Absperrung geschützt werden – in der Regel von den Besuchern umschritten und aus verschiedenen Perspektiven im Raum wahrgenommen werden. Die Tatsache, dass Objekte integrativer Bestandteil von Ausstellungen sind, präfiguriert die Erzählung von Geschichte im Medium Ausstellung. In historischen Ausstellungen sind Objekte Repräsentanten bzw. Zeugen einer vergangenen Zeit und repräsentieren somit „Wahrheit“ bzw. Authentizität. Durch die dargestellten Objekte gewinnt die Erzählung an Glaubwürdigkeit. Ebenso bedarf es der Erzählung (Kontextualisierung), um den Objekten Bedeutung zuzuweisen.
Die Aura ist im Unterschied zum Objekt nicht dinglich und nicht konkret. Man kann die Aura nicht berühren. Aura hat mit Empfindung und Wirkung zu tun, mit dem Erzeugen einer Stimmung. Die Aura tritt als ein abstraktes Phänomen zu Tage.
Das Konzept der Aura ist an einen weiteren Begriff gebunden, das Objekt. Das Objekt wiederum ist oftmals an ein spezifisches Subjekt (Besucher) gebunden, das auf die Aura insofern rückwirkt, als es einen Beitrag zur Auratisierung des Exponats leistet – z.B. John Lennons Brille. Ein an sich banaler, alltäglicher Gegenstand wird erst durch Zuschreibung zu einer bedeutenden Person auratisiert. Aura kann nicht alleine stehen. Etwas oder jemand werden mit Aura ausgestattet, Aura ist ein Konstrukt, und es bedarf des Akts des „Auratisierens“ durch eine oder mehrere Personen. In der Ausstellung werden Objekte mittels Kontextualisierung (Beschreibung des Objekts und seine Einbettung in die Erzählung) und Inszenierung (Platzierung, Beleuchtung, Vitrine, Absperrung) auratisiert. Das Wahrnehmen von Aura ist darüber hinaus von dem Vorwissen der Besucher abhängig.”
aus: “Das wahrgenommene Objekt”, Anne Krefting
“Die Wahrnehmung der Aura ist als Wahrnehmung der Wahrnehmung zu verstehen. Der Besucher nimmt nicht nur etwas Besonderes an einem Objekt wahr, sondern erfährt auch sich selbst in diesem Akt als intensiv wahrnehmend. Wir können wie in einem “zweiten Gesicht” Aura an einem Gegenstand wahrnehmend produzieren. Wir sind die Autoren jener Eigenschaft, die scheinbar den Objekten anhaftet.
Benjamins “Verfall der Aura” zufolge ist Aura also keine Eigenschaft von Dingen (dann könnte sie nicht zerfallen), sondern eine Eigenschaft der Wahrnehmung oder eine Wahrnehmungsveränderung, die gesellschaftlich-historisch bedingt ist.
Übrigens ist in Benjamins Wort des Atmens eine direkte Inhalation des
Wahrnehmbaren enthalten.
Die Auratisierung von Gegenständen ist mit einer Bedeutungsaufladung verbunden.
Aura ist eine Wahrnehmungseigenschaft der Dinge unter einem Blick, der so tut
als ob die Dinge ihn verzaubern würden. Was bringt es dem Betrachter, sich in diesen Zustand zu versetzen, der deutlich als eine Art Selbsttäuschung zu erkennen ist, die als eine momentane Bereicherung des Erkenntnisvermögens empfunden wird?
Dinge sind für Betrachter unterschiedlich auratisch aufgeladen, da jeder Besucher sein eigenes “imaginäres Museum” voller Dinggeschichten in seinem Kopf hat. Er stattet Gegenstände selbst mit Aura aus.
Im Museum treffen diese Welten aus der individuellen Biografie, die kulturellen Erinnerungsbotschaften und die Inszenierung der Objekte (z.B Licht) aufeinander. Der Körper des Besuchers kann als Erinnerungsarchiv gesehen werden, welches wir bei jeder Begegnung ins Spiel bringen. Was einen besonders verzaubert ist das woran man mit Erinnerungsfragmenten anknüpfen kann, man nimmt das Angebot des Museums anders wahr. Der Besucher erfährt sich als wahrnehmendes Wesen mit eigener Geschichte, die sich nur bedingt in den Erfahrungshorizont der kulturellen Überlieferungsbotschaft der Museumsdidaktik auflösen lässt.
Es gibt also zwei Aspekte der Auraproduktion: die persönlich-gedeutete und die museal-konstruierte Aura. Museale Aura entsteht durch Neu-Wahrnehmung und Neu-Wertschätzung. Aus dem Gebrauch gezogene Gegenstände werden in einem neuen Bewertungszusammenhang als “dauerhaft” und “vollkommen” angesehen, obwohl sie beschädigt und unbrauchbar sein können. Alte Gegenstände werden als “warm” empfunden, sie “verkörpern” Zeit und Dauer, entsprechen dem Bedürfnis nach Zeugnissen und Andenken.
Zeit und Aura stehen in engem Verhältnis. Während der rein funktionelle Gegenstand seine Effizienz hat, so scheint das alte Objekt ein “entschwundenes Wesen” zu verewigen. Die Wahrnehmungseigenschaft Aura bezieht wesentliche Energie aus der Sehnsucht nach Zeitlosigkeit und Dauerhaftigkeit.
Der Auftrag des Bewahrens fordert Museen zur Ausstellung eines Berührungsverbotes. Objekte berühren zu wollen gilt als unseriöse Form der Annäherung. Das Verbot ist auch dazu geeignet, den Menschen an seine verbotenen
Wünsche zu erinnern (Anziehungskraft, Zauber).
Ein Konstruktionselement von Aura ist das Vitrinenglas. Es schützt vor unerwünschtem Kontakt, bietet die so verhüllten, entzogenen Dinge nur unserem Auge dar. So erweist sich eine Vitrine als “Märchenland und Frustration in einem”, das Glas zeigt seinen Inhalt nur zeichenhaft und stellt sich zwischen die Stofflichkeit der Dinge, trotzdem macht es durch seine verhüllende Wirkung auf sich aufmerksam. Es entsteht eine fundamentale Zwiespältigkeit in der Stimmung: gleichzeitige Nähe und Distanz, Vertraulichkeit und Kühle, Mitteilsamkeit und Zurückgezogenheit. (Baudrillard)”
Fazit:
- Logik der Institution Museum macht Objekt zum Original (”Wahrheit” schafft Aura)
- Berührungsverbot schafft Anziehungskraft
- Vitrine als etwas Sakrales: “Märchenland und Frustration in einem”
- museale Auratisierung durch Kontextualisierung und Inszenierung
- Aura ist keine Eigenschaft von Dingen sondern der individuellen Wahrnehmung
- Besucher stattet Objekt mit Aura aus
=> Welten aus der individuellen Biografie, die kulturellen Erinnerungsbotschaften und die Inszenierung der Objekte treffen aufeinander und schaffen eine Aura
Für mich ist der Ansatz der Auratisierung durch den Umgang mit oder die Nähe zu einem Objekt sehr interessant. Je näher ich einem Objekt kommen kann (bis hin zur Berührung), desto profaner wird es, desto weniger Aura schreibe ich ihm zu. Wenn es jedem möglich ist oder sich jeder traut das Objekt anzufassen, kann es keinen allzu großen Wert haben. Habe ich beispielsweise eine alte kaputte Uhr in meinem Haushalt, kann ich damit nichts mehr anfangen, sie ist nicht mehr zu gebrauchen, wird zu Müll. Versetze ich diese Uhr jedoch in die “heilige” Umgebung eines Museums, wird ihr ein kultureller und emotionaler Mehrwert angehängt. Wenn diese Uhr hier in diesem Museum ausgestellt wird, muss sie etwas besonderes sein: einziges Zeugnis einer vergangenen Zeit, ehemals Schmuck auf der Haut einer Königin oder die erste Uhr, die überhaupt hergestellt wurde. Sie wird in einen bestimmten Kontext versetzt, der zusätzlich durch die individuelle Vorstellung zu einer einzigartigen Geschichte wird. Eine zusätzliche Inszenierung durch Licht, Ton, Podest, ein Nicht-Berühren-Schild, Vitrinenglas tut den Rest zur Auraproduktion.
Szenerie:
Ein alltäglicher Gegenstand (kaputte Vase, Uhr, Tonbüste, Handschuh, vielleicht sogar ein Gegenstand eines Besuchers, ein Regenschirm o.ä., den er auratisieren lassen kann) wird in eine Ausstellungssituation gebracht: punktuelles Licht, dramatisches Herzschlagen, Nebelaura. Ihm wird Leben eingehaucht, Aura! Sobald sich ein Besucher nähert und nähert, wird die Aura kleiner, die Inszenierung wird zurückgenommen: weniger Licht, der Ton wird leiser oder profaner (realistische Stimmen), der Nebel verzieht sich. Das Objekt wird irgendwie “normal”, zum anfassen, die inszenierte Unnahbarkeit schwindet. Der Besucher traut sich noch näher heran, berührt das Objekt, nimmt es in die Hand, es ist nichts besonderes mehr: ein toter, unbrauchbarer Gegenstand, Müll. Der “Zauber” ist gebrochen.
